Die Focus Files geben einen Einblick in reale Fälle aus der Praxis. Sie zeigen, mit welchen Problematiken Hunde zu Focus K9 kommen und wie durch Analyse und strukturiertes Training nachhaltige Veränderung möglich wird.
„Luna sieht rot und ist nicht mehr ansprechbar“


Wenn Hundebegegnungen zum Problem werden
Luna war zwei Jahre alt, als ihre Halterin Kontakt zu mir aufnahm. Im Alltag war die Dalmatinerhündin freundlich, aufmerksam und eng an ihre Menschen gebunden. Zuhause gab es kaum Schwierigkeiten. Draußen zeigte sich jedoch ein ganz anderes Bild.
Begegnungen mit anderen Hunden, insbesondere Hündinnen, entwickelten sich zunehmend zum Problem. Sobald eine fremde Hündin auftauchte, wurde Luna aufmerksam. Sie fixierte ihr Gegenüber, ihr Körper wurde steif und sie versuchte aktiv, die Situation zu kontrollieren. Je näher die andere Hündin kam, desto deutlicher wurde ihr Verhalten. Sie zeigte offensives Drohverhalten, hing in der Leine. Luna sieht rot und ist nicht mehr ansprechbar.
Viele Spaziergänge wurden dadurch anstrengend und unvorhersehbar. Die Halterin musste ständig aufmerksam sein, Hundebegegnungen frühzeitig managen und großen Abstand halten, um noch irgendwie Einfluss auf Luna haben zu können.
Die Sorge war groß, dass es früher oder später zu einem ernsthaften Konflikt kommen könnte.
Was bereits versucht wurde
Wie viele Hundehalter hatte auch Lunas Halterin bereits verschiedene Trainingsansätze ausprobiert. Es wurde mit Ablenkung gearbeitet, Hundebegegnungen wurden auf Distanz trainiert und problematische Situationen möglichst vermieden. Teilweise ließ sich Luna dadurch kurzfristig beeinflussen. Das mag bei gewissen Hunden gut funktionieren, in diesem, sowie in vielen anderen Fällen, stößt dieser Ansatz aber auf seine Grenzen.
Sobald Lunas Individualdistanz unterschritten wurde, diese war bemerkenswert hoch, zeigte sie das bekannte Verhalten und auch ein Filetsteak konnte nichts an daran ändern. Die eigentliche Ursache blieb lange ungeklärt.
Die Analyse
Bereits in den ersten Trainingseinheiten zeigte sich, dass Lunas Verhalten nicht auf Angst oder Unsicherheit zurückzuführen war. Stattdessen fiel auf, dass sie sich in sozialen Situationen regelmäßig zuständig fühlte. Besonders deutlich wurde das in Begegnungen mit anderen Hündinnen. Luna versuchte immer wieder, die Situation selbst zu regeln. Sie schirmte ihre Menschen ab, drängte sich zwischen Beteiligte, verfolgte andere Hunde oder maßregelte sie, wenn diese aus ihrer Sicht unangemessen agierten. Wobei in diesem Kontext Maßregelung freundlich ausgedrückt ist und Luna in diesen Situationen überhaupt nicht mehr ansprechbar war.
Dabei ging es nicht darum, einen Konflikt zu vermeiden. Im Gegenteil.
Man hätte leicht behaupten können, dass das eine simple Leinenaggression ist und Luna sich einfach in ihrer Ausdrucksweise eingeschränkt fühlt. Das wäre aber viel zu stark vereinfacht und kratzt nur an der Oberfläche. Hier kannst du mehr über Leinenaggression erfahren.
Luna suchte aktiv den sozialen Austausch und versuchte, auf das Verhalten anderer Hunde Einfluss zu nehmen. Die Ursache lag in einer mischmotivierten Aggression.
Sie fühlte sich einerseits verantwortlich für den Schutz ihrer Menschen – obwohl es oft überhaupt keinen Grund dafür gab. Darüberhinaus sah sie in gleichgeschlechtlichen Artgenossen ständig Konkurrenz.
Dadurch entstanden immer wieder Spannungen und Konflikte mit anderen Hündinnen.
Das Problem war deshalb nicht die bloße Anwesenheit anderer Hunde.
Das Problem war, dass Luna sich für die Regelung dieser sozialen Situationen zuständig fühlte.
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Das Training
Der Fokus des Trainings lag deshalb nicht auf einer reinen Symptombehandlung. Es ging nicht darum, Luna bei jeder Begegnung abzulenken oder ihre Aufmerksamkeit umzulenken. Stattdessen wurde an den Ursachen gearbeitet.
Ziel war es, Verantwortlichkeiten im Alltag klarer zu gestalten und Luna Schritt für Schritt aus einer Rolle herauszuführen, die immer wieder zu Konflikten führte.
Gleichzeitig war es auch für Lunas Frauchen erforderlich ihren Teil beizutragen um einen Trainingserfolg zu erreichen. Über einen langen Zeitraum hatte sie viele Situationen unbewusst so begleitet, dass Luna sich immer wieder in ihren Handlungen bestätigt fühlte. Deshalb bestand ein wesentlicher Teil des Trainings nicht nur aus der Arbeit mit dem Hund, sondern auch aus Veränderungen im Verhalten des Menschen. Die Halterin lernte, Situationen anders zu begleiten, klarer aufzutreten und Verantwortung konsequenter selbst zu übernehmen. Erst dadurch entstand für Luna die Möglichkeit, diese Aufgaben nach und nach abzugeben.
Parallel dazu wurden kontrollierte Hundebegegnungen genutzt, um neue Verhaltensmuster aufzubauen. Luna lernte, soziale Situationen nicht selbst regeln zu müssen und andere Hunde zunehmend neutral wahrzunehmen.
Bereits nach einigen Wochen wurden erste Veränderungen sichtbar. Begegnungen verliefen ruhiger, Luna ließ sich leichter führen, brauste nicht mehr so stark auf und suchte deutlich seltener die direkte Auseinandersetzung und orientierte sich immer mehr an ihrem Frauchen.
Entscheidend war jedoch die konsequente Umsetzung im Alltag. Training passiert nicht innerhalb einer Stunde, sondern in den restlichen 23 Stunden des Tages, an 7 Tagen in der Wochen und 365 Tagen im Jahr.
Das Ergebnis
Nach rund sechs Monaten Training hatte sich Lunas Verhalten deutlich verändert. Sie begegnet anderen Hündinnen heute wesentlich gelassener. Das aktive Provozieren von Konflikten, das Abschirmen ihrer Menschen und das Bedürfnis, andere Hunde zurechtzuweisen, sind weitgehend verschwunden.
Luna zeigt heute ein deutlich angemesseneres Sozialverhalten und kann Begegnungen bewältigen, ohne sich für die Situation verantwortlich zu fühlen.
Nicht jeder Hund muss mit jedem Artgenossen befreundet sein.
Das Ziel war vielmehr, dass Luna andere Hündinnen akzeptieren kann, ohne ständig Einfluss auf deren Verhalten nehmen zu wollen und genau das ist heute möglich.
Fazit
Aggressives Verhalten gegenüber Artgenossen entsteht nicht immer aus Angst oder Unsicherheit. Manche Hunde geraten in Konflikte, weil sie sich für soziale Beziehungen verantwortlich fühlen und versuchen, Situationen selbst zu regeln.
Das kann sich durch Abschirmen, Verfolgen, Maßregeln oder aktives Einmischen in soziale Interaktionen zeigen.
Deshalb ist es wichtig, nicht nur das sichtbare Verhalten zu betrachten, sondern die Ursache dahinter zu verstehen.
Wenn dein Hund regelmäßig Konflikte mit anderen Hunden sucht oder sich ständig in soziale Situationen einmischt, warte nicht, bis die Situation eskaliert.
Je früher die Ursachen erkannt werden, desto einfacher lassen sich neue Wege etablieren.
…was es zu beachten gilt
Aggression ist für Hunde ein Kommunikationsmittel. Deswegen kann nicht davon gesprochen werden, dass eine “Heilung” vorliegt.
Arbeitet man nur an einzelnen Symptomen, kann das Trainingsergebnis schnell ins Gegenteil von dem umschlagen, was man eigentlich erreichen will. Wer nur Symptome korrigiert, aber die Ursache ignoriert, wird das Problem nicht lösen.
Reines Unterordnungstraining reicht bei der Arbeit mit reaktiven Hunden nicht mehr aus, hier bedarf es Erfahrung im Umgang mit aggressivem Verhalten!
Die schnelle Lösung für nachhaltige Veränderung gibt es nicht. Dreht man aber an den richtigen Schrauben und bleibt konsequent bei der Umsetzung, dann wird Veränderung nicht nur möglich, sondern planbar!
Erkennst du euch in diesem Fall wieder und hast das Gefühl, dass ihr trotz intensivem Training nicht weiterkommt? Warte nicht bis es eskaliert!

